

WELT am SONNTAG | Nr.
10 | Sonntag, 7.März 2004
S. 90 NRW Hintergrund
Vermutlich käme kein
auch nur halbwegs vernünftiger Mensch auf die Idee, ein Haus über
einer Erdmulde zu errichten, die in alten Karten mit dem vielsagenden Namen
"Einsturtz" verzeichnet ist. Zumal dann nicht, wenn er wüsste,
dass unter dieser "Einsturtz"-Mulde jahrhundertelang Erz abgebaut
wurde und dass sich unmittelbar unter dem Erdboden Schächte 60 Meter
tief in den Boden bohren.
Andre Hellmann fährt mit seinem Zeigefinger über eine dieser alten
Karten, dorthin, wo gleich mehrere muldenartige Vertiefungen deutlich zu sehen
sind; eine Karte, die schon vor Generationen gezeichnet wurde und die eigentlich
jeder kennen müsste, der in einer käseartig durchlöcherten
Bergbaustadt ein solides Fundament setzen will.
Wir treffen Hellmann, einen 28jährigen Siegener, unten im Siegtal, er
steht am Straßenrand hinter einer großen Werbetafel, dort, wo
sich einst der Zugang öffnete zu diesem Erzbergwerk mit dem harmlosen
Namen Hohe Grethe. Von hier zieht sich ein Netz von Stollen und Schächten
durch den Rosterberg, ein System von Hohlräumen führt von diesem
Eingang direkt hinauf zu jener Stelle, die Hellmann auf seiner Karte immer
wieder mit dem Zeigefinger umkreist. Das ist die Stelle, die als das Siegener
Loch in die Geschichte eingehen wird: ein Krater von gut zehn Metern Durchmesser,
der sich vor zwei Wochen zwischen zwei Wohnblocks auftat, ein Einsturz - und
zwar einer von gewaltigen Ausmaßen. Ein Wunder fast, dass dabei kein
Mensch zu Tode kam.
Oben, gleich neben einem
der evakuierten Wohnblocks, in unmittelbarer Nähe des Kraters, stehen zwei
Herren vom Bergamt Recklinghausen in einem Baucontainer, Peter Hogrebe und Norbert
Vierhaus. Auch sie zeigen auf ihre Karten. Es sind andere Karten als die von
Andre Hellmann, aber dort sind ebenfalls die Löcher eingetragen und sogar
ein Schacht, der von tief unten bis dicht an die Erdoberfläche reicht.
Und auch
Hogrebe und Vierhaus können sich nicht erklären, wie man ausgerechnet
an dieser Stelle Häuser bauen konnte.
Und in allem, was die beiden sagen, spürt man nicht nur Anspannung und
Betroffenheit über die Katastrophe dieser Tage, sondern auch die Erleichterung,
dass es nicht ihre Behörde war, die Ende der 50er Jahre die Zustimmung
zum Hausbau erteilte.
Bis 1994 gab es in der Eisenabbau-Stadt Siegen noch ein eigenes Bergamt, und
dort lagen damals die alten Karten, auf denen dieser alte "Einsturtz"
eingetragen ist. Bloß scheint sich in Siegen niemand dafür interessiert
zu haben. Und anstatt heute immerzu zu fragen, wo eigentlich die Rechtsnachfolger
der einstigen Grubenbesitzer abgeblieben sind (das ist derzeit das Thema in
Siegen), sollte man endlich mal klären, wer im Jahr 1959 eigentlich fahrlässiger
gehandelt hat:
War es das Bauamt der Stadt, das womöglich ohne ein gesetzlich vorgeschriebenes
Bergamts-Gutachten den Hausbau genehmigte?
Oder war es das Bergamt selbst, das zustimmte, ohne einen Blick in sein Archiv
zu riskieren? "Der letzte Siegener Bergamtsleiter", so lautet die
Auskunft von Peter Hogrebe, "ist vor ein paar Jahren gestorben". Jetzt
müsse die Bezirksregierung die Vorgänge rekonstruieren.
Die Mitarbeiter des früheren Siegener Bergamts hat Andre Hellmann als "nicht
sehr aufgeschlossen" in Erinnerung. Er hatte den Eindruck, dass Hinweisen
und Anregungen von Hobbyarchäologen nicht besonders sorgfältig nachgegangen
wurde. Nach Aussagen einer Rosterberg-Bewohnerin soll es Anfang der 60er Jahre
sogar schon einmal einen echten Tagesbruch im Wohngebiet gegeben haben, den
das Bergamt noch nicht einmal in einer Notiz festgehalten hat. Andre Hellmann
hatte also gewiss gute Gründe, dass er für sich behielt, was er bereits
vor etlichen Jahren, bei seiner ersten unterirdischen Hohe-Grethe-Erkundung,
entdeckte.
Er habe "heruntergebrochene Strossen" gesehen, "lose in den Schächten
hängenden Versatz" und andere Überbleibsel von marode gewordenem,
"nicht gesichertem Altbergbau". Hinter den Fachbegriffen stecken fundierte
Kenntnisse. Hellmann weiß, wovon er spricht.
Wie fast alle Siegener, so hat auch Andre Hellmann Vorfahren, die im Erzbergbau
arbeiteten. Als er 14 war, zeigte ihm der Großvater eine stillgelegte
Grube; hineingegangen ist er später allein. Seitdem kam er nicht wieder
los von der Faszination. Er durchstreifte Dutzende Bergwerke in Siegen und drumherum,
sammelte Karten und Schriften, eignete sich Wissen und Anschauung auch über
jene Abbaumethoden an, mit denen man schon im Mittelalter das Erz aus dem Boden
holte.
Dann wurde aus dem Hobby ein Studium an der RWTH Aachen: Der 28jährige
Hellmann, inzwischen diplomierter Geologe, schreibt derzeit an seiner Doktorarbeit
- allerdings über Goldlagerstätten. Den Siegener Erzbergbau kennt
er dennoch aus dem Effeff, regelmäßig tauscht er sich mit den anderen
Mitgliedern der bundesweit vernetzten Grubenarchäologischen Gesellschaft
aus.
Und, jetzt kommt's, genau mit diesen Leuten war Hellmann noch vor wenigen Monaten
in den seit vielen Jahrzehnten verlassenen Schächten und Stollen der Hohen
Grethe unterwegs.
"Wir wollten die Grube vermessen", berichtet Hellmann, "wir wollten
endlich genaue Pläne von diesem Bergwerk anfertigen." Wie schon an
anderen Stätten hatte die Grubenarchäologische Gesellschaft vor, mit
dem kompletten Equipment für eine exakte Erdvermessung in den Rosterberg
einzusteigen. Doch kaum waren sie von einem ersten Erkundungsgang wieder ans
Tageslicht zurückgekehrt, hörten sie davon, dass Mitarbeiter des Recklinghauser
Bergamts nach Siegen gekommen seien, weil Bewohner des Rosterbergs Risse im
Boden gemeldet hatten.

Die
Grubenforscher brachen ihr Vorhaben ab. Aber Hellmann ist sich heute sicher,
dass er von unten, also aus dem Inneren des Berges heraus, genau jene Stelle
gesehen hatte, die wenig später zusammenkrachte und in der dann 900 Kubikmeter
Beton auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Nach diesem erfolglosen Versuch befestigte
man Bleche zwischen dem Loch und dem darunter klaffenden Schlund und kippte
weitere 350 Kubikmeter darauf, die nun wie ein Pfropfen den hohlen Berg verschließen.
Eine Lösung für die Ewigkeit ist das nicht.
Andre Hellmann hat sich über diesen großzügigen Einsatz von
Beton gewundert. Weil gerade in den Hohlräumen aus der vorindustriellen
Zeit sehr viel Holz zur Sicherung eingesetzt worden sei. "Und wenn man
darauf Beton füllt", warnt Hellmann, "können diese so genannten
Bergekästen zusammenbrechen".
Er plädiert deshalb für einen behutsameren Umgang mit den alten Gruben.
Eine dauerhafte Sicherung könne man nur mit einer genauen Kenntnis des
unterirdischen Geschehens erreichen, sagt er. Und die Grubenarchäologische
Gesellschaft stehe jederzeit bereit, dem Bergamt bei einer gründlichen
Untersuchung des Untergrunds zu helfen. Das freilich sei nur möglich, wenn
Bergwerkseingänge und Stollenanlagen. nicht einfach zubetoniert und aus
dem Bewusstsein gestrichen würden - so wie es in Siegen bisher praktiziert
wurde, ohne sich lange mit der archäologischen und naturschützerischen
Bedeutung der Gruben auseinanderzusetzen.
Dass beim Umgang mit Siegener Bergwerksresten in früheren Jahren Fehler
gemacht wurden - das räumt auch Norbert Vierhaus vom Recklinghauser Bergamt
ein. Als "folgenschwer" bezeichnet er die Maßnahmen, die das
Siegener Bergamt in den 50er Jahren veranlasst habe. Viele der so genannten
Pingen, jene oberirdischen Vertiefungen, in denen der Erzabbau einst anfing
und an denen man bis heute oft auch die unterirdischen Abbaugebiete erkennen
kann - viele dieser Löcher seien an ihren Rändern gesprengt worden,
um sie anschließend einzuebnen, berichtet Vierhaus.
Mit dem Resultat, dass durch die Sprengung der feste Boden überm Hohlraum
oft noch dünner wurde, als er nach Jahrhunderten der Erzgewinnung ohnehin
schon war.