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Einleitung: 

Der folgende Bericht beschreibt eine Befahrung des Rammelsberges bei Goslar, dessen Bergbau zuerst im Jahr 968 erwähnt wird und der über 1000 Jahre lang bis 1988 in Abbau stand. Die sehr reichen Erze enthalten hauptsächlich Blei (6 %), Zink (14 %) und Kupfer (1- 2%), wobei der ursprüngliche Erzinhalt der beiden Erzlinsen Altes Lager und Neues Lager insgesamt etwa 30 Millionen Tonnen umfasste.

Der ebenfalls recht hohe Silber- (120g / Tonne) und Gold (1g / Tonne) gehalt der gewonnenen Erze sorgten jahrhundertelang für eine Blüte der direkt angrenzenden Stadt Goslar, die unter anderem dazu führte, das hier eine der bevorzugten Aufenthaltsorte der deutschen Kaiser war.

Seit der Stillegung wird das Grubengebäude des Rammelsberges und die übertägigen Anlagen zu einem großen Museumskomplex umgestaltet, daß als Bergbaumuseum Rammelsberg auch Führungen durch das historische Roederstollensystem mit eindrucksvollen Wasserrädern anbietet.

Eine Befahrung der historischen Grubenräume des Rammelsberges abseits der Touristenpfade ist jedoch immer noch eine der größten Untertageerlebnisse, die man in Deutschland geniessen kann. So auch diese. Dabei ist auch dieser Bericht schon "historisch" da das Wasser seither im Rammelsberg bis zur 1. Sohle angestiegen ist und zahlreiche der erwähnten Örtlichkeiten heute unter Wasser stehen...


Rammelsbergbefahrung in Januar 1994 unter dem Motto "Letzter Blick auf den Rammelsberg" 

Start war morgens um 07:00 in Hannover, wo wir uns bei einem Freund von mir trafen. Dann gings zusammen nach Goslar, wo wir zunächst einmal ordentlich ins Mett hauten, bzw. bissen. Mett mit Gurken auf Brötchen war Grundlage der "traditionellen" Tscherpermahlzeit, die vor der "anstrengenden" Grubenfahrt in den Räumen der Preussag genossen wurde. Hier hörte man verschiedenes Interessantes über den Rammelsberg. So stehe er nach wie vor (Anmerkung: im Januar 1994) bis zur neunten Sohle offen und das Problem der Sauerwasserentsorgung, das mit etwa 10 qbm pro Stunde anfällt, bestehe nach wie vor. Bis auf weiteres würde dieses Wasser = das vitriolhaltige Grubenwasser vom Süsswasser getrennt auf die alten Erzwäsche - Absetzteiche am Bollrich geleitet und dort durch Kalk neutralisiert. Schlussendlich soll der Rammelsberg bis auf die Sohle des oberen Wasserlösungsstollens = Rathstiefstenstollen absaufen. Das mittelalterliche Feürgezäher Gewölbe soll erhalten bleiben. Dagegen wird der tiefer gelegene Julius - Fortunatus - Wasserlösungsstollen ebenfalls verdämmt, da man so erreichen will, daß der Wasserstand im Rammelsberg möglichst hoch angestaut wird. Hierdurch wiederum bildet sich entsprechend weniger des gefürchteten Sauerwassers. 

Nach diesen einführenden Worten ging es dann zu fortgeschrittener Stunde um halb 11 in den Berg hinein. Wir legten ein ordentliches Tempo vor, sodass wir in 3,5 Stunden Befahrung weit mehr zu Gesicht bekamen als auf so mancher doppelt so langen Tour. Zunächst gings im Förderkorb des Richtschachtes auf die 9. Sohle hinunter. Wenig tiefer steht im Schacht das Wasser. Wir machten unsere Scherzchen darüber, was passieren würde, wenn der Fördermaschinist den vollen Korb versehentlich auf die 10. Sohle führe (Man kann sich mit den Anschlagzeichen ja mal vertuen...) 

Auf der 9. Sohle besuchten wir nach wenigen Metern einen grösseren Pumpenraum, in dem die Pumpen bis auf weiteres fleissig ihre Arbeit tun. Viel moderne Technik aus den 60er und 70er Jahren und daher entsprechend unhistorisch. Bald gings wieder im Schacht nach oben auf die bereits erheblich interessantere 1. Sohle. 

Hier besuchten wir die durch starken Ausbau (sogenannte "Stalinallee") gesicherte Vitriolstrecke. Wirklich wunderhübsche klare blaugrüne Stalagmiten und Stalagtiten - ja sogar Stalagnate - hängen in den Lücken zwischen den Stempeln. Die Vitriole - hier vornehmlich Kupfer- und Eisenvitriol des Rammelsberges sind ja seit altersher bekannt und als Besonderheit gerühmt. Sie wurden von den Alten als sogenannte "Jöckel" bezeichnet. Dieses Wort ist norwegischen Ursprunges ( Jökkel = norw. : Jökull = gefrorenes Wasser oder Gletscher) und deutet einmal mehr auf seinerzeit regen kulturellen Austausch zwischen Goslar und den norwegischen Bergstädten Kongsberg, Modum und Röros hin. Die Jöckel wurden früher eifrig gesammelt und zur Vitriolherstellung verwendet. 

Unter den Jöckeln fanden sich im Schutt auch gut ausgebildete natürliche (!) Kupfersulfatkristalle bis 4 cm. Ich nahm ein paar Kristalle mit, obwohl mir gesagt wurde, dass sämtliche Rammelsberger Vitriole über Tage alsbald verwittern und/oder zerfliessen. Die schön blauen Kupfersulfatkristalle hielten sich zwar eine ganze Weile lang, gingen schlußendlich aber doch den Weg allen Irdischen und zerbröselten nach Jahresfirst zu einem gelblichen Pulver. 

Sehr zu meinem Bedauern hatten wir hier in der durch Oxydationsprozesse sehr warmen Vitriolstrecke nur ein paar Minuten Zeit und so blieb manch Fortsetzung unerkundet. Mein Wunsch, ein weiteres mal Gelegenheit zu bekommen, hier ein paar schöne Fotos zu schiessen - phantastische Motive gibt es genug.- erfüllte sich leider nicht und so muß ich mich mein Lebtag lang mit der Erinnerung an dieses mineralogische Schmankerl begnügen. 

Weiter gings im Korb auf die Stollensohle des Tiefen Julius Fortunatus Stollen, der um 1500 auf eine Länge von 2200 Metern als tiefster Wasserlösungsstollen des Rammelsberges herangetrieben wurde. 1585 erfolgte der Durchschlag mit dem Grubengebäude des Alten Lagers des Rammelsberges. Ein noch tieferer sogenannter "Tiefer Okerstollen", der um 1700 begonnen wurde, wurde dagegen nie fertiggestellt. Wir besichtigten verschiedene moderne Strecken sowie das berühmte Schurfer Suchort, das man zunächst als Untersuchungs - Querschlag von ca. 1740 bis 1749 vom Julius Fortunatus Stollen herangetrieben hatte, um es aldann wegen zu festen Gesteins und geringer Hoffnung auf Erfolg zu stunden. 1858 empfahl dann der damalige Bergrat Koch (der Vater des berühmten Bakteriologen Robert !) das Ort wieder zu belegen. Schon nach 10 Metern Strecke (!) stiess man hier auf das 7 m mächtige massive Reicherzvorkommen des "Neuen Lagers". Leider wurde meine Hoffnung auf eine schöne Durchschlagtafel nicht erfüllt, es fanden sich nur einige hübsch eingemeisselte Jahreszahlen an dieser berühmten Stätte lagerstättenkundlichen Erfolges vor. 

Über verschiedene Baue gings wiederum zum Schacht zurück, wo wir noch eine Sohle höher auf die Rasenhängebanksohle fuhren. Hier besichtigten wir eine grosse zentrale Punpstation für die getrennte Süss/Sauerwasserhaltung und die Fördermaschine des Richtschachtes und des Rammelsbergschachtes. Über die eingemottete Brecher- und Aufbereitungsanlage mit vielen, vielen Flotationszellen und Trommelscheidern gings durch das bekannte terassenförmig am Berg gelegene Rammelsberggebäude hinab zum Bergbaumuseum. 

Im Sommer 1983 habe ich das alles hier noch in Betrieb gesehen. Damals bin ich mit meinem Fiat in einer Dreiviertelstunde von Göttingen nach Goslar über den Harz gebraust, um ja auch pünktlich zur Befahrung zu  kommen! Joo moi, dös warn noch Zeiten ! 

Auf dem unteren Betriebshof des Rammelsberges angekommen fuhren wir heute zum zweiten mal in die Tageförderstrecke ein und wandten uns nunmehr in das Röderstollensystem. Durch den hinlänglich bekannten Museumsbereich des Kehr- und Kunstrades des Serenissoriums - Tiefsten - Schachtes hindurch, öffneten sich endlich die Tore zum Feuergezäher Gewölbe und zum Rathstiefstenstollen. Bis heute hatten mir bestimmt 5 Leute versprochen, mir diesen Ort zugänglich zu machen - nun war es endlich soweit. 

Wir stiegen die schon so oft von oben gesehene Treppe hinter dem Gitter hinab und gelangten so in die leerstehende "Untere Kunstradstube" des Röderschen Systems. Hier wandten wir uns nach links, öffneten ein weiteres Gitter und befuhren die legendäre "Bergesfahrt" - die erste und oberste das gesamte Alte Lager in einem Niveau erschliessende Strecke. Zügigen Schrittes fuhren wir so dahin, sahen zahlreiche in den leider stets verbrochenen Abbau führende Querschläge und mehrere Schächte, unter anderem den abgeworfenen Winkler Wetterschacht, der seine teilverplombte Öffnung am Maltermeisterturm hat (mittlerweile verfüllt). Erwähnenswert ist noch die "Lange Treppe", die das Niveau des Rathstiefstenstollens - Bergefahrt mit dem Niveau des Tiefen - Julius - Fortunatusstollen verbindet. Sie ist heute (1994) noch ohne weiteres befahrbar. Irgendwann ist die Fortsetzung der Bergesfahrt verbrochen, obwohl man vielleicht mit etwas Mühe doch weiter kommt.. Schön wäre es, auch hier mal mit mehr Zeit hinzukommen. 

Wieder in der unteren Radstube angekommen, wandten wir uns dem nahen Feuergezäher Gewölbe zu. Dieses steht wie für die Ewigkeit gemauert seit nunmehr bestimmt 800 Jahren hier und gilt als der älteste erhaltene Grubenraum im nicht - römischen Germanien. Tatsächlich ist der 7 * 8 m grosse und 6 m hohe Raum sehenswert, nur ist die Abbildung im Slotta (übernommen aus Bornhardt (1930)) noch weit romantischer als die Wirklichkeit. So ist wunderbarerweise die in Bornhardt gezeigte, auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite befindliche Fortsetzung mit einem ganz seltsamen Tonnengewölbe gänzlich entschwunden. Sehr merkwürdig, denn man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass man die seit 1930 so einfach übermauert hat. Die anderen eingezeichneten Fortsetzungen an der Firste existieren allesamt nach wie vor und zumindestens jene oberhalb des Eingangs lässt sich auch befahren - wenn man denn Zeit und Musse hätte. Immerhin, das Gefühl in einem fast 1000 Jahre alten Grubenraum des Hochmittelalters zu stehen, ist schon bewegend und Herr Dr. Slotta - Direktor des Bergbaumuseums in Bochum - hat recht, wenn er schreibt, dass eine Befahrung dieses Raumes zu den ganz grossen Erlebnissen der deutschen Montanhistorik zählt.   

Feuergezäher Gewölbe, Rammelsberg bei Goslar 

Feuergezäher Gewölbe im Rammelsberg - ältester erhaltener Grubenraum im nicht römischen Germanien (um 800 n. Chr)

Zeichnung : BORNHARDT, um 1930

Solches wird übrigens auch dem knapp 1000 Jahre alten Rathstiefstenstolln nachgesagt, den wir anschliessend teilweise befuhren. Leider war ich aber doch etwas über die anwesenden Vitriolausblühungen enttäuscht. Da haeb wir verschiedentlich schon ähnliches und auch schon schöneres gesehen. Auch von der handgeschlägelten Strecke sieht man nicht mehr viel, da die Wangen halt stark übersintert sind und die Firste von neuzeitlich eingezogenen Blechen verborgen wird. Gerade letztere stören den allgemeinen Eindruck bedeutend. Aber immerhin : ein heute noch genutzter 1000 Jahre alter Wasserlösungssstolln ist ja auch was Feines. Und in noch befahrbaren - jedoch leider nicht befahrenen - Querschlägen soll auch noch alles "wie vor tausend Jahren sein".

Wir fuhren durch den Besucherbereich aus, wobei wir einer Gruppe entsetzt blickender Touristen mit freundlichem Glück Auf begegneten. Durch die Tagesförderstrecke erreichten wir wiederum den Zechenplatz, wo wir uns noch den untertägigen Bahnhof und so manche wohlerhaltene Elektrolok anschauten. Putzig erschienen mir hier besonders die noch erhaltenen hölzernen Mannschaftswagen aus der Betriebszeit.

Das "Apres Spel" fand diesmal in rustikaler Atmosphäre in der Besucherkaue des Rammelsberges statt, wobei ich Mühe hatte, mir mehr als den Alibi- Korn verehren zu lassen. Dafür gabs kein Bier - der heiligen Barbara seis geklagt. Nach einem Bummel durch Goslar, wo wir bei einem Türken einkehrten und noch das schmerzlich vermisste Bier einnahmen, gings zurück nach Hannover. So gegen 9 Uhr abends war ich dann wieder in Rodenberg.